Voll innovativ: die Erfindung der Boehmflöte

Voll innovativ: die Erfindung der Boehmflöte

„Technische Innovationen entstehen, wenn aus Ideen marktfähige Produkte werden, die Einfluss auf die Gesellschaft nehmen.“ So definiert es das Zeppelin Museum Friedrichshafen in ihrem Aufruf zur Blogparade „Innovationen?!“. Genauso war es bei der Boehmflöte, die die Grundlage der modernen Querflöten ist. Aber wie kam es eigentlich zu dieser Erfindung?

Alles begann in den 1820er Jahren in München, als sich ein Flötist namens Theobald Boehm zum Ziel setzte, der Paganini der Querflöte zu werden. (Paganini war ein berühmter Geigenvirtuose und wurde auch als der „Teufelsgeiger“ bezeichnet.) Dabei gab es nur ein Problem: die damals erhältlichen Querflöten ließen bauartbedingt ein derartig virtuoses Spiel nicht zu. Also entschloss sich Boehm, selbst eine geeignete Querflöte zu konstruieren und zu bauen.

Ganz so aberwitzig, wie es klingt, war der Plan tatsächlich aber nicht. Denn Boehm hatte in seiner Jugend das Goldschmiedehandwerk erlernt und sich auch schon mehrere Flöten gebaut (allerdings waren das Kopien der damals üblichen Instrumente gewesen).

Die Erfindung der Ringklappenflöte

Die Querflöten waren damals aus Holz, umgekehrt konisch gebohrt und hatten nur wenige Klappen. Die Tonlöcher waren dementsprechend recht klein und so angeordnet, dass man sie mit den Fingern erreichen konnte (ähnlich wie bei Blockflöten). Dadurch war es nicht möglich, in allen Tonarten sauber und virtuos zu spielen.

Die entscheidende Idee für eine verbesserte Querflöte kam Boehm auf einer Konzertreise in England, da dort ein anderer Flötentyp mit überdimensionalen Grifflöchern gespielt wurde. Um sich mit Konstruktion und Bau der englischen Flöten vertraut zu machen, arbeitete er in mehreren englischen Flötenwerkstätten.

Zurück in Deutschland begann Theobald Boehm, die neuen Erkenntnisse umzusetzen. Eine weitere bahnbrechende Herangehensweise war, die Anordnung der Tonlöcher ausschließlich nach akustischen Notwendigkeiten vorzunehmen. Damit konnten diese aber nicht mehr mit den Fingern geschlossen werden. Aber auch dieses Problem konnte Boehm lösen.

1832 stellte er seine Ringklappenflöte vor. Diese war aus Holz, umgekehrt konisch und verfügte über eine Klappenmechanik mit Ringklappen. Diese war so ausgeklügelt, dass die Griffe logisch waren und man in allen Tonarten flüssig spielen konnte. Damit war Theobald Boehm ein Meilenstein des Flötenbaus gelungen. Es sollte nicht der einzige bleiben…

Die Erfindung der Zylinderflöte

Denn Boehm arbeitete inzwischen mit dem Naturwissenschaftler Carl Emil Schafhäutl zusammen. Dieser hatte sich mit der „Theorie gedeckter cylindrischer und konischer Pfeifen und Querflöten“ befasst. Daraus erwuchs die Idee, eine zylindrische Querflöte zu konstruieren. Boehm und Schafhäutl fanden heraus, dass die zylindrische Bohrung mit parabolischem Kopfstück am besten ist. Durch Zufall kam bei ihren Experimenten auch heraus, dass sich ein Metallrohr besser eignet als ein Korpus aus Holz. 1847 stellte Boehm seine zylindrische Flöte vor. Sie hatte große Tochlöcher mit Tonlochkaminen und die schon bekannte Klappenmechanik, diesmal allerdings mit geschlossenen Klappen. Damit hatte Boehm das Prinzip der modernen Querflöte entwickelt.

Die Verbreitung des neuen Flötenmodells

In Deutschland wurde die neuen Querflöte zunächst eher skeptisch gesehen, während sie in Frankreich positiv aufgenommen wurde. Boehm selbst hat einiges unternommen, um seine Flötenmodelle bekannt zu machen: Er ging auf Konzertreisen und unterrichtete Schüler auf seinem Instrument. Letztendlich hat sich seine Erfindung auf der ganzen Welt durchgesetzt.

Die modernen Querflöten basieren immer noch auf den von Boehm gebauten Instrumenten, wobei natürlich einige Details weiterentwickelt wurden und immer noch werden. Auch die Entwickler des Saxophons und des Boehmsystems der Klarinette bedienten sich bei der Konstruktion Boehms.

Welche Voraussetzungen führten zur Innovation „Boehmflöte“?

Boehm ist mit seiner Boehmflöte eine sehr erfolgreicher Erfindung gelungen. Aber warum war er erfolgreich und andere Flötenbauer nicht? Das lässt sich vermutlich nicht mehr zweifelsfrei klären, aber es gibt schon einige Auffälligkeiten:

Der erste auffällige Punkt ist, dass er als Flötenbauer ein Quereinsteiger war, aber als Goldschmied trotzdem über die handwerklichen Fähigkeiten verfügt, die er benötigte. Dadurch war er vielleicht nicht so festgelegt, wie man „richtig“ Flöten baut.

Zweitens hatte er ein ganz klares Ziel und eine genaue Vorstellung davon, was seine Erfindung leisten sollte. Schließlich wollte er sie in erster Linie für sich selbst nutzen.

Drittens schaute er immer wieder über den Tellerrand: sein Vorbild war kein Flötist, sondern ein Geiger. Er reiste und fand neue Flötenmodelle, die er sich gleich durch Arbeit in den englischen Werkstätten näher ansah. Er beachtete auch naturwissenschaftliche Erkenntnisse.

Viertens: er arbeitete mit einem Naturwissenschaftler zusammen, der neue Impulse und Kenntnisse einbringen konnte. Das war damals eine neue Herangehensweise, da man im Flötenbau bis dahin immer nur nach Versuch und Irrtum vorgegangen war.

Und fünftens kümmerte er sich höchstpersönlich um die Vermarktung seiner Erfindungen, indem er seine Instrumente bei Konzertreisen vorführte und Schüler auf ihnen unterrichtete.

Die Boehmflöte ist nicht der neueste Trend, nicht digital und sie rettet auch keine Leben. Trotzdem ist es eine Innovation, auf die ich nicht verzichten wollte. Denn was wäre ein Leben ohne Querflöte? Lieber nicht dran denken!

Weitere Artikel:

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Quelle:
Manfred Hermann Schmid, Theobald Boehm – Die Revolution der Flöte, Hans Schneider Tutzing, 1981

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