Deliberate Practice - Erfolg für Musiker

Deliberate Practice – Erfolg für Musiker

Wie wird man eigentlich eine richtig gute Flötistin oder allgemeiner ein richtig guter Musiker? Auf der Suche nach einer Antwort bin ich auf das Buch „Top – Die neue Wissenschaft vom bewussten Lernen“ von K. Anders Ericsson und Robert Pool gestoßen. Ericsson ist Professor der Psychologie an der Florida State University und forscht seit langem zum Thema „Expertise“. Dabei hat er den Begriff „Deliberate Practice“ bzw. „Bewusstes Lernen“ geprägt.

In diesem Artikel stelle ich vor, was ich aus dem Buch gelernt habe und wie man es auf das Thema Flöte (bzw. allgemein ein Musikinstrument) spielen anwenden kann.

Ericsson hat untersucht, wie man Fähigkeiten erwerben und sogar zum Experten auf seinem Gebiet werden kann. Bei seinen Forschungen hat er sich dabei auf diejenigen Disziplinen beschränkt, für die es hochentwickelte, allgemein akzeptierte Lehr- bzw. Trainingsformen gibt und die Leistung objektiv oder halbobjektiv (Jury) messbar ist und bei denen es Lehrer bzw. Trainer gibt. Darunter fallen klassische Musik, Sport und Schach. Für alle diese Gebiete gilt: je mehr man übt, desto besser wird man. Abkürzungen gibt es nicht. Ericsson jedenfalls schreibt, er habe in seiner langen Laufbahn kein einziges Beispiel gefunden, wo jemand herausragende Fähigkeiten gezeigt hat und dafür nicht jahrelang geübt oder trainiert hätte.

Nur viel zu üben reicht aber nicht aus. Wer immer die gleiche Tätigkeit auf immer die gleiche Art und Weise durchführt, wird nicht besser, eher sogar etwas schlechter. Es kommt also auch entscheidend darauf an, auf die richtige Art und Weise zu üben. Diese richtige Art und Weise nennt Ericsson „Deliberate Practice“, auf deutsch „bewusstes Lernen“.

Was ist Deliberate Practice?
  • Das Ziel beim bewussten Lernen ist der Erwerb von Fähigkeiten, nicht von Wissen. Wissen ist zwar auch notwendig, ist aber eher ein Nebenprodukt beim Erwerb von Fähigkeiten.
  • Man braucht einen Lehrer, der weiß, wie man die gewünschte Fähigkeit erlernt und einem jeweils die passenden Übungen auswählt. Außerdem gibt der Lehrer Feedback, welche Dinge wie verbessert werden können.
  • Beim bewussten Lernen verfolgt man exakt formulierte Ziele, die sich meist auf einen bestimmten Aspekt beziehen.
  • Ohne Feedback und Korrektur ist kein Deliberate Practice möglich! Man muss immer wissen, was man richtig macht, was man falsch macht und wie man letzteres verbessern kann.
  • Bewusstes Lernen findet außerhalb der Komfortzone statt, weil man Dinge tun muss, die man noch nicht kann.
  • Beim Üben muss man volle Konzentration aufwenden, da man sich selbst kontrollieren und korrigieren muss. Unaufmerksames Abspulen von Übungen oder das Durchspielen ganzer Stücke bringt dagegen keine nennenswerte Verbesserungen.
  • Da die Fokussierung sehr anstrengend ist, sollte man mit kurzen Übungseinheiten beginnen und sich langsam steigern. Wenn man unkonzentriert wird, soll man die Übungseinheit beenden. Außerdem hilft viel Schlaf bei der Konzentration.
Was unterscheidet Könner von Anfängern?

Um zu beschreiben, was das Können ausmacht, verwendet Ericsson den Begriff „mentale Repräsentationen“. Das sind bestimmte Vorstellungen, die man von etwas hat. Eine Musikerin weiß beispielweise, wie eine Dur-Tonleiter klingen muss oder ein Flötist weiß, was er mit seinem Körper machen muss, um den Ton F“ zu spielen. Diese mentalen Repräsentationen ermöglichen die schnelle Verarbeitung großer Informationsmengen. Während ein Anfänger mühsam seine Finger sortiert, kann der Könner ganz flüssig und virtuos spielen, weil er eben nicht mehr jede Bewegung einzeln durchdenken muss. Zitat Ericsson: „Je mehr man kann, desto besser sind die mentalen Repräsentationen, und je besser die mentalen Repräsentationen, desto effektiver kann man üben, um sein Können zu steigern.“

Wie findet man den richtigen Lehrer?
  • Besonders am Anfang ist es am effizientesten, Einzelunterricht bei einem guten Lehrer zu nehmen, damit man die Grundlagen korrekt erlernt, auf die man später aufbauen will.
  • Ein Lehrer kann einen maximal auf das Niveau führen, das er selbst oder seine bisherigen Schüler erreicht haben, deswegen muss man evtl. nach einiger Zeit den Lehrer wechseln.
  • Ein guter Lehrer stellt sich auf seinen Schüler ein.
  • Eine gute Vorgehensweise ist, die Bewertungen des Lehrers zu prüfen, dabei sollte man den Bewertungen von Schülern, die auf einem ähnlichen Niveau gestartet sind, den Vorrang geben. Insgesamt hilft es, mehr auf Aussagen zu Fortschritt und Erfolg zu achten als auf Aussagen zum Spaßfaktor des Unterrichts.
Was tun, wenn man keinen Lehrer hat?

Als Leitlinie nennt Ericsson die Formel KFK: Konzentration, Feedback, Korrektur. So lässt sich das umsetzen:

  • Sich das Stück vorher anhören, damit man weiß, wie es klingen soll
  • Auf das Feedback achten: sich selbst immer zuhören, in den Spiegel schauen, sich aufnehmen oder filmen.
  • Spezielle Übungen aussuchen, um einzelne Aspekte zu verbessern.
  • Verschiedene Übungsmethoden ausprobieren, dann beibehalten was funktioniert und verwerfen was nicht funktioniert.
  • Bei Stagnation: Wenn man nicht weiter kommt, bringt es nichts, sich mehr anzustrengen. Man muss die Sache dagegen anders angehen als bisher.
Wie findet man die Motivation für Deliberate Practice?

Einer der kritischsten Punkte beim Erlernen von Fähigkeiten ist, die Motivation aufrecht zu erhalten. Da das bewusste Lernen anstrengend ist und einen gewissen Zeitaufwand erfordert, kann es schnell passieren, dass man die Lust verliert.

Folgende Punkte schlägt Ericsson vor:

  • Das Üben zur Gewohnheit werden lassen.
  • Feste Zeiten für das Üben reservieren.
  • Ablenkungen und Störungen minimieren.
  • Max. eine Stunde am Stück üben (wegen der Konzentration).Etappenziele setzen, denn Erfolge motivieren besonders gut.
  • Dafür sorgen, dass man Freude an den erreichten Fähigkeiten hat (z.B. öfter mal die Lieblingsstücke spielen oder bei Vorspielen den Applaus genießen).
  • Sich mit Gleichgesinnten und Unterstützern umgeben. Für Musiker bietet es sich an, in Bands oder Orchestern mitzuwirken.
Gibt es angeborenes Talente?

Ericsson hat in seiner langen Laufbahn kein einziges Beispiel gefunden, wo jemand ohne Training außerordentliche Fähigkeiten gezeigt hätte. Es gibt also keine Naturtalente.

Andersherum stellt sich die Frage, ob es unbegabte, also z.B. unmusikalische Menschen gibt. Die Antwort lautet ja, es gibt die sogenannte angeborene Amusie, diese kommt aber extrem selten vor. In den allermeisten Fällen, in denen sich Menschen als unbegabt einstufen, fehlt diesen nur die Übung. Nur beim Sport ist bekannt, dass Körpergröße und Körperbau bestimmen, in welchen Sportarten man es weit bringen kann. So haben große Menschen gute Voraussetzungen beim Basketball, kleine dagegen beim Turnen.

Wie Ericsson herausgefunden hat, machen einige Anfänger schneller Fortschritte als andere, oft weil sie einen höheren IQ haben und die Grundlagen schneller begreifen. Interessanterweise verliert sich dieser Vorsprung aber irgendwann mit zunehmenden Fähigkeiten wieder. Letztlich hängt der Erfolg nur von der Übung ab. Daraus schließt Ericsson, dass eine Selektion aufgrund der Leistung im Anfangsstadium nicht zielführend ist, da bisher niemand in der Lage war, sicher vorherzusagen, wer wirklich gut werden wird und wer nicht.

Ein weiteres Problem mit dem Glauben an die Macht der Gene ist, dass es zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung wird, obwohl es jeglicher Grundlage entbehrt.

Die 10.000-Stunden-Regel

Wie lange muss man üben, bis man zur Weltspitze gehört? Laut eine populären, von Malcolm Gladwell aufgestellten Regel sind 10.000 Stunden Deliberate Practice notwendig. Dazu äußert sich Ericsson jedoch kritisch, da die benötigte Übungszeit je nach Gebiet sehr unterschiedlich ist. In Bereichen mit starker Konkurrenz braucht man deutlich mehr als 10.000 Stunden, in weniger umkämpften Gebieten teilweise viel weniger.

Was ich persönlich aus dem Buch gelernt habe:

Da ich mich schon seit einiger Zeit mit dem Thema Deliberate Practice beschäftigt hatte, war vieles für mich grundsätzlich bekannt. Trotzdem haben mich einige Details überrascht:

  • Die klare Absage an die klassische Wissensvermittlung. Das erklärt auch, warum man mit dem Stoff aus der Schule oft wenig anfangen kann.
  • Dass frühe Erfolge beim Erlernen einer Fähigkeit nichts darüber aussagen sollen, wer am Ende am weitesten kommt. Das hätte ich nicht unbedingt vermutet.
  • Dass die vielzitierte 10.000-Stunden-Regel so pauschal gar nicht stimmt.

Quelle:

Top: Die neue Wissenschaft vom Lernen

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